Eine penible Zahnpflege ist der wichtigste Vorsorgebaustein, um eine Schleimhautentzündung durch eine Krebstherapie zu verhindern. / © Getty Images/Yaraslau Saulevich
Eigentlich ist es nicht die Frage, ob, sondern wann klassische Chemo- und Strahlentherapien die Schleimhäute in Mund und Rachen großflächig schädigen. Da sich die Zellen der Schleimhaut häufig erneuern, reagieren sie besonders empfindlich auf die Krebsbehandlung. Deshalb ist die Prävalenz einer Schleimhautentzündung in Mund und Rachen (orale Mukositis) vor allem bei Bestrahlung des Kopf-Hals-Bereichs oder etwa bei einer Hochdosischemotherapie mit Stammzelltransplantation nach Lymphdrüsenkrebs oder Leukämie fast unvermeidbar.
Starke Schmerzen, Sprach- und Schluckbeschwerden, Geschmacksstörungen und Mundtrockenheit (Xerostomie) führen zu einem so starken Leidensdruck, dass die orale Mukositis einen der häufigsten Gründe für einen Therapieabbruch darstellt. Die Atrophie des Plattenepithels, die Schädigung von Gefäßen und Ulzerationen sind häufig so unerträglich, dass Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme nur noch eingeschränkt bis gar nicht mehr möglich sind – was freilich bei einer zehrenden Erkrankung wie Krebs kontraproduktiv ist. Zudem ist das Infektionsrisiko erhöht, weil Krankheitserreger durch die geschädigte Schleimhaut leichter eindringen können.
Die Schleimhäute im Mund- und Rachenbereich sollten deshalb von Anfang an so gut wie möglich gepflegt werden, und schon bei kleinsten Rötungen gelte es, sofort aktiv zu werden, lautet die wichtigste Vorbeugemaßnahme der S3-Leitlinie »Supportive Therapie bei onkologischen Patientinnen und Patienten« im Kapitel zur oralen Mukositis. Penible Zahnpflege plus mehrmals täglich Mundspülungen mit Wasser oder Natriumchlorid 0,9 Prozent (nach den Mahlzeiten, nach dem Aufstehen und vor dem Schlafengehen) sind dabei das A und O der Prävention. Für andere Spüllösungen wie Salbeiextrakt gibt es keine verlässlichen Daten. Für nachts sind künstliche Speichelpräparate wie Aldiamed®, Gelclair®, Caphosol®, Glandosane® oder Saliva Natura® ein guter Beratungstipp.
Risikofaktoren wie schlechte Mundhygiene und Mundtrockenheit sind anzugehen, bevor eine potenziell schleimhautschädigende Therapie ansteht. Ein Zahnarztbesuch mit professioneller Zahnreinigung und das Glätten von scharfen Zahnkanten sollten vor Therapiebeginn auf dem Programm stehen. Der Zahnarzt überprüft dabei auch Prothesen auf Druckstellen. Zudem sollte der Patient täglich seine Mundschleimhaut inspizieren und bei Auffälligkeiten frühzeitig seinen Onkologen darauf ansprechen.
Eine gute und vorsichtige Mund- und Zahnpflege sind unabdingbar: Zähneputzen mit einer weichen Zahnbürste und milder Zahnpasta nach jeder Mahlzeit und vor dem Schlafengehen sowie eine vorsichtige Reinigung der Zahnzwischenräume. Und: Wer bislang nachlässig mit Zahnseide und Interdentalbürsten war, sollte damit nicht vor einer Tumorbehandlung beginnen, da anfangs häufiger Mikrotraumata und Zahnfleischblutungen auftreten können.
»Leider gibt es derzeit kein Patentrezept für die Vorbeugung und Behandlung der oralen Mukositis. Eine frühzeitige und kompetente Beratung durch das Apothekenteam ist daher immens wichtig«, informierte Dr. Jörg Riedl, Apotheker und Leiter der komplementär-integrativ-medizinischen Sprechstunde am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, bei einer Fortbildungsveranstaltung. Klinische Studien zur Wirksamkeit der verschiedenen Ansätze sind spärlich, das wird auch in der S3-Leitlinie deutlich. Prophylaxe und Therapie beruhen zumeist auf Erfahrungsmedizin.
Riedl führte aus, wie er und sein Team pharmazeutisches Know-how einsetzen, um etwa die Kryotherapie patientenfreundlicher abzuwandeln. Die Kühlung der Mundhöhle mithilfe von Eiswasserspülungen oder dem Lutschen von Eiswürfeln während der Infusionen kann das Ausmaß und die Schwere der Läsionen begrenzen. Valide Daten gibt es etwa für die Kältebehandlung während der Verabreichung von 5-Fluorouracil. Durch die Minderdurchblutung der Mundschleimhaut, so die Überlegung, verringere sich die Konzentration toxischer Substanzen in diesem Gewebe, und entzündliche Reaktionen würden unterdrückt, erklärt die dazugehörige Patientenleitlinie.
Das große Problem dabei: Aufgrund des langen und intensiven Kältereizes – die Kältetherapie sollte bereits vor der Infusion beginnen und bis etwa eine halbe Stunde nach deren Ende fortgesetzt werden – ist sie eher schwierig durchzuhalten. Angenehmer als die mitunter scharfkantigen Eiswürfel empfänden viele Patienten das Lutschen tiefgefrorener Fruchtwürfel, etwa aus Ananas, Papaya oder auch Salbeitee, informierte Riedl. »Fruchtkugeln werden noch besser akzeptiert als -würfel. Wir haben auch eine Slush-Ice-Maschine«, informierte Riedl die Anwesenden darüber, wie das Team seiner Krankenhausapotheke versucht, den Patienten entgegenzukommen. Auch eisgekühlte Butterkügelchen oder gekühlte Aloe-vera-Mundspüllösungen fänden bei den Patienten eine bessere Akzeptanz.
Hat sich die Mundschleimhaut dennoch entzündet, gilt die erste Maßnahme der Schmerzbekämpfung. Gute Erfahrungen hat das Lübecker Team mit Heilerde innerlich und Leinsamen gemacht, vor allem wenn auch der übrige Verdauungstrakt in Mitleidenschaft gezogen ist. Vom Leinsamen könnten sowohl der Schleim als auch der Überstand verwendet werden. »Der Überstand eignet sich zum Trinken bei Beschwerden im Mund. Der Schleim wird erwärmt; Patienten mit Parästhesien an Hand und Fuß baden darin ihre Gliedmaßen und empfinden es als angenehm«, berichtete Riedl.
Auch mit Manuka- oder Kanukaöl hat der Experte gute Erfahrungen gemacht, wenn es mit warmem Leitungswasser gemischt wird. Die Mischung eigne sich zum mehrmals täglichen Schlucken oder Gurgeln. Die Daten zu Honig, gleich ob herkömmlicher Art oder Manuka-Honig, seien insgesamt gesehen wenig überzeugend. Die S3-Leitlinie rät bei Beschwerden infolge einer Radiotherapie gar davon ab.
Für die regelmäßige Anwendung antiseptischer Lösungen gibt es keine Evidenz und auch keine generelle Empfehlung für corticoidhaltige Mundspüllösungen, heißt es in der S3-Leitlinie. Nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) sind aufgrund ihrer blutverdünnenden Wirkung eher nicht geeignet und auch meist nicht wirksam genug. Eine Ausnahme bilden alkoholfreie benzydaminhaltige Mundspüllösungen. Die NRF-Rezepturvorschrift 7.15. (Viskose Benzydaminhydrochlorid-Mundspüllösung 0,15 Prozent mit Lidocainhydrochlorid und Dexpanthenol) hilft weiter. Alkoholhaltige Therapeutika wie Tantum verde® sind bei dieser Indikation weniger empfehlenswert.
Auch Opiate haben ihren Platz in der Therapie von Mundschleimhautentzündungen, und zwar in Form von Lösungen und Spülungen. So sind einige Kliniken dazu übergegangen, den entzündeten Mund- und Rachenraum mit verdünnten Morphinlösungen zu spülen oder mit Rezepturen von Opiaten in mukoadhäsiven Grundlagen zu versorgen. Möglich ist dieser Therapieansatz, weil Opiate nicht nur zentral wirksam sind, sondern auch in peripheren Geweben an Rezeptoren binden. Infrage kommen etwa das Morphinsulfat-haltige Fertigarzneimittel Oramorph®-Lösung sowie die NRF-Rezepturvorschrift 2.4. (Viskose Morphinhydrochlorid-Lösung 2 mg/ml oder 20 mg/ml). In den USA wird auch eine Ketamin-haltige Mundspüllösung in Konzentrationen von 0,4 bis 1,0 Prozent eingesetzt.
Daneben gibt es Hinweise, dass eine Doxepin-haltige Mundspüllösung 0,5 % die Schmerzen innerhalb weniger Minuten bis zu sechs Stunden lindern kann. Die S3-Leitlinie vergibt dafür eine Kann-Empfehlung und weist darauf hin, dass es sich um eine Off-Label-Verwendung handelt, da Doxepin für diese Indikation keine Zulassung hat. Der Einsatz von Sucralfat, das einen gelartigen Überzug auf der Schleimhaut bildet, wird dagegen explizit (»soll nicht«) abgelehnt.