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Food Noise
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Zwanghaft ans Essen denken

Dauernd, fast zwanghaft, kreisen die Gedanken ums Essen, um Kalorien, um Lebensmittelauswahl? Dann sprechen Mediziner von Food-Noise. Wie sich die quälende Gedankenspirale durchbrechen lässt, weiß Ernährungs-Doc Matthias Riedl.
AutorKontaktIsabel Weinert
Datum 15.04.2026  08:00 Uhr

PTA-Forum: Was verbirgt sich hinter dem Begriff »Food Noise«?

Riedl: Food Noise, wörtlich übersetzt »Essensrausch«, beschreibt den hartnäckigen und anhaltenden Gedanken an Essen. Während alltägliche Gedanken an die nächste Mahlzeit normal sind, wird Food Noise von den Betroffenen als unerwünscht und bedrückend wahrgenommen. Der konsistente Gedanke an Essen, der sich nicht abstellen lässt, verbraucht enorme mentale Energie und erschwert für die Betroffenen die Konzentration auf den Alltag, die Arbeit oder soziale Beziehungen. Sie leiden unter einer permanenten Entscheidungsfindung, was sie als Nächstes essen wollen, was zu viele Kalorien haben könnte oder ob genug Vorräte für das nächste Essen im Haus sind. Während Hunger ein biologisches Signal für die nächste Nahrungsaufnahme ist, ist Food Noise eine psychologische und kognitive Überfokussierung auf das Thema Essen.

PTA-Forum: Welche Menschen sind besonders davon betroffen, sich ständig mit ihrer Ernährung zu beschäftigen?

Riedl: Besonders häufig berichten Menschen mit Adipositas oder Übergewicht von diesem Phänomen; in einer Untersuchung gaben 57 Prozent der befragten Personen mit Adipositas an, Food Noise zu erleben. Zudem sind Personen betroffen, die aktiv versuchen, ihr Gewicht zu reduzieren oder eine restriktive Diät einzuhalten. Auch Menschen mit Essstörungen können ähnliche Symptome einer zwanghaften Beschäftigung mit Essen zeigen.

PTA-Forum: Welche Symptome/welches krankhafte Essverhalten können/kann sich aus dieser Überbeschäftigung mit der Ernährung entwickeln?

Riedl: Food Noise geht weit über körperlichen Hunger hinaus und äußert sich durch die drei folgenden Punkte: eine hohe kognitive Belastung wegen der ständigen Entscheidungsfindung  auf Fragen wie »Was esse ich? Wie viele Kalorien? Habe ich genug Vorräte?«. Das verbraucht enorme mentale Energie und lenkt von Arbeit, sozialen Beziehungen und dem Alltag ab. Zum Zweiten erleben die Betroffenen Dysphorie und Scham, weil sie die eigenen Gedanken belasten und sie sich selbst stigmatisieren. Sie werfen sich mangelnde Willenskraft vor, was zu Angstzuständen und einem geminderten Selbstwertgefühl führen kann. Der dritte Punkt ist Kontrollverlust: Die Gedanken werden als »unaufhörlich« und schwer steuerbar beschrieben, was zu maladaptivem Essverhalten wie dem Essen zur kurzzeitigen Beruhigung der Gedanken führen kann.

PTA-Forum: Wie ist es mit Menschen, die sich krankheitsbedingt dauernd mit ihrer Ernährung befassen müssen, wie Typ-1-Diabetikern oder solchen mit Adipositas?

Riedl: Für Menschen, die aufgrund von Erkrankungen wie Typ-1-Diabetes oder Adipositas ihre Ernährung streng kontrollieren müssen, ist die mentale Last besonders hoch. Die ständige Notwendigkeit, Makronährstoffe, Kalorien und den Zeitpunkt der Mahlzeiten zu planen, macht Nahrungsentscheidungen extrem komplex und mühsam. Diese dauerhafte Auseinandersetzung kann die Lebensqualität stark beeinträchtigen. In diesen Fällen ist therapeutische Hilfe eine gute Maßnahme.

PTA-Forum: Was kann ansonsten gesunden Menschen helfen, aus dem Food Noise auszubrechen und wieder zu einem entspannten Verhältnis zum Essen zu finden

Riedl: Es gibt Studien dazu, dass Menschen, die ihre Ernährung beispielsweise aus ethischen oder religiösen Gründen einschränken, oft weniger unter belastenden Essensgedanken leiden. Klare Regeln können vermutlich die mentale Last der ständigen Entscheidungsfindung verringern.

PTA-Forum: Welche Möglichkeiten haben Typ-1-Diabetiker, Food Noise zu entkommen und beispielsweise eine bestimmte Ernährung quasi zu »automatisieren«, um nicht dauernd zwischen Blutzuckerwerten und Essen herumlavieren zu müssen?

Riedl: Für Typ-1-Diabetiker werden spezielle Schulungen im Umgang mit der Erkrankung sowie dem Erlernen einer blutzuckerstabilisierenden Lebensmittelauswahl angeboten, meist abrechenbar über die Krankenkassen in diabetologischen Schwerpunktpraxen. Diese Schulungen können helfen, das Wissen über die Ernährung zu vertiefen. Dadurch ist ein entspannterer Umgang mit kohlenhydrathaltigen Lebensmitteln möglich. Des Weiteren können vertiefende ernährungstherapeutische Beratungen helfen, gemeinsam einen Plan auszuarbeiten, um die Umsetzung zu erleichtern.

PTA-Forum: Was hilft Menschen, die abnehmen möchten oder müssen, sich nicht dauernd in Food Noise zu verstricken?

Riedl: Eine Möglichkeit ist die Nutzung von Abnehmspritzen, die GLP-1-Agonisten wie Semaglutid enthalten. So erleben Patientinnen und Patienten bei der Nutzung eine Abnahme der ständigen Stimmen im Kopf. Oft merkt man erst durch die Wirkung des Medikamentes, wie sehr sich vorher die Gedanken um Essen gedreht haben. Dieser Effekt konnte auch in der klinischen Studie von Friedrichsen et al. festgestellt werden. Verstummen diese Gedanken, ist es möglich, beispielsweise mithilfe von Ernährungstherapierenden ein gesundes Essverhalten zu erlernen.

Bei Beginn einer kalorienreduzierten Diät tritt oft ein massiver Anstieg von Food Noise auf, der jedoch nach einer Zeit nachlässt, wenn sich der Körper an die reduzierte Energiezufuhr gewöhnt hat. Die Forschung zeigt allerdings, dass extreme Hungerzustände vermieden werden sollten, da sie Food Noise verstärken können. So entwickelten die Teilnehmenden des Minnesota Hunger Experiments, die starken Kaloriendefiziten unterworfen waren, eine Art Besessenheit von Essen.

PTA-Forum: Vielen Dank für das Gespräch.

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