Ein zu hoher oder zu niedriger Laborwert hat für sich genommen meist keinen Krankheitswert und muss daher nicht zwingend behandelt werden. Oft schlägt der Arzt bei einem abweichenden Wert erst einmal vor, ihn nach einigen Tagen oder Wochen noch einmal zu bestimmen. Ein einzelner Laborwert könne immer nur ein Baustein in einer Gesamtdiagnose sein, der zusammen mit anderen Werten, Symptomen und Befunden betrachtet werden müsse, erläutert Harbeck, die auch Mediensprecherin der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) ist. »Laborbefunde sollte man sich stets von einer Ärztin oder einem Arzt erklären lassen, die oder der die Ergebnisse einordnen kann.«
Deshalb sieht sie Selbsttests, die etwa in Fitnessstudios oder im Internet verkauft werden, kritisch. Ein typischer Fall in gynäkologischen Praxen sei beispielsweise eine junge, schlanke Frau, die sich nach einem Cortisol-Speichel-Selbsttest Sorgen mache, sie könne das Cushing-Syndrom haben – also eine Stoffwechselstörung, die durch ein dauerhaftes Überangebot des Stresshormons Cortisol im Körper verursacht wird und auf einen Tumor hindeuten kann. »Natürlich hat sie kein Cushing-Syndrom, das noch viele weitere Symptome umfasst wie etwa Zunahme von Fettgewebe an Rumpf, Bauch und Nacken, Muskelschwund oder Hautveränderungen. Aber sie nimmt wahrscheinlich die Antibabypille, die den Cortisolspiegel im Körper beeinflussen kann.« Denn die in der Pille enthaltenen Östrogene regen die Leber an, vermehrt Cortisol-bindendes Globulin (CBG) zu produzieren. Obwohl der Gesamt-Cortisolspiegel im Blut dadurch ansteigt, sei das freie, biologisch aktive Cortisol dabei meist im normalen Bereich, sodass keine Behandlung nötig ist.
Den Hype um »Cortisol Detox«, der vor einiger Zeit die sozialen Medien durchzog, hält sie für ziemlich gefährlich. Influencer geben ihren Followern hier Tipps, einen vermeintlichen Überschuss des Stresshormons Cortisol abzubauen, der etwa zu einem Vollmondgesicht, Haarausfall und Hautalterung führen soll. Cortisol sei vielmehr ein lebenswichtiges Stresshormon und kein Gift, das man aus dem Körper treiben müsse, betont Harbeck.
Ein weiteres Beispiel eines Testsergebnisses, das bei Patienten zuweilen zu Panik führt, betreffe den Wert des lebenswichtigen Elektrolyts Kalium, so Harbeck. Der Kalium-Referenzwert im Blutserum liegt bei Erwachsenen in der Regel zwischen 3,6 und 5,2 mmol/l. Es komme vor, dass Patienten Werte von 8 oder 9 aufwiesen und sagten »Ich müsste eigentlich tot sein.« Hier sei der Hintergrund meist, dass der Schnelltest sehr störanfällig sei. Bei der Entnahme von Kapillarblut aus der Fingerbeere könnten rote Blutkörperchen leicht zerstört werden – dabei tritt Kalium aus, was das Messergebnis massiv erhöht. Dazu komme, dass frei verkäufliche Tests oft gar nicht validiert seien, oder dass das Blut zu lange stehe, bevor es analysiert werde.
Medizinische Labore unterliegen dagegen strengen Qualitätskontrollen. Jedes Labor muss täglich die Genauigkeit und Richtigkeit seiner Messgeräte anhand von Kontrollproben überprüfen. Außerdem müssen Labore in Deutschland regelmäßig an Ringversuchen teilnehmen, in denen ihre Qualität gecheckt und miteinander verglichen wird.
Quelle: abgewandelt nach Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)