| Verena Schmidt |
| 14.08.2026 16:00 Uhr |
Klein, aber oho: Die Schilddrüse ist für das Zusammenspiel verschiedener Körperfunktionen wichtig. / © Getty Images/Sasirin Pamai
Die schmetterlingsförmige Schilddrüse liegt vor der Luftröhre unterhalb des Kehlkopfs. Sie wiegt nur etwa 20 bis 30 g, doch so unscheinbar sie auch sein mag, so entscheidend ist ihre Funktion für das Zusammenspiel aller Organe im Körper – sie ist sozusagen die Dirigentin des Stoffwechsels.
Die Hauptaufgabe der Schilddrüse (Glandula thyroidea) ist die Bildung und Freisetzung lebenswichtiger Hormone. Diese steuern den Energiestoffwechsel und bestimmen damit den Grundumsatz des Körpers, also wie viele Kalorien er in Ruhe verbraucht. Auch haben die Schilddrüsenhormone großen Einfluss auf das Herz – sie regulieren Herzschlag, Puls und Blutdruck – und auch auf das Nervensystem und die Psyche. So beeinflussen sie etwa die Konzentration, das seelische Wohlbefinden und die Aktivität der Nervenzellen. Für Kinder und Jugendliche ist die Wirkung der Hormone essenziell für das Knochenwachstum und die geistige Entwicklung.
Wichtig für die Hormonproduktion ist vor allem eine ausreichende Versorgung mit dem Spurenelement Jod. Daraus stellt die Schilddrüse dann das Prohormon Tetraiodthyronin (T4, Thyroxin) sowie Triiodthyronin (T3) her. Ein Großteil von T4 wird in den Zielgeweben in das wirksamere T3 umgewandelt.
Die Produktion der Hormone steuert der Körper über einen Regelkreis: Der Hypothalamus im Gehirn bildet TRH (Thyreotropin-Releasing-Hormon). TRH wiederum regt die Hypophyse (Hirnanhangdrüse) an, TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon) auszuschütten. TSH stimuliert dann schließlich die Schilddrüse zur Bildung und Freisetzung von T3 und T4. Sind die Konzentrationen von T3 und T4 im Blut hoch, wird die die Ausschüttung von TRH und TSH gehemmt – das nennt man negative Rückkopplung. Der Hormonspiegel im Blut bleibt so innerhalb bestimmter Grenzen relativ konstant.
Um Störungen der Schilddrüsenfunktion zu erkennen, kann der Arzt verschiedene Marker im Blut testen.
Jod ist ein wichtiger Grundstoff zur Herstellung der Schilddrüsenhormone: T4 enthält vier Iodatome, T3 drei. Das Spurenelement muss also in ausreichender Menge (siehe Kasten) über die Nahrung aufgenommen werden – über den Magen-Darm-Trakt gelangt es ins Blut und wird dann durch spezielle Transporter direkt zur Schilddrüse gebracht.
Fehlt es dem Körper über längere Zeit an Jod, kann die Schilddrüse nicht genügend T3 und T4 bilden. Dann sinkt der Hormonspiegel im Blut, durch die negative Rückkopplung schüttet die Hirnanhangsdrüse verstärkt TSH aus. Die Schilddrüse steigert daraufhin die Anzahl hormonbildender Zellen – sie wächst also. Mediziner sprechen von einer Jodmangelstruma, wenn die Vergrößerung von außen sichtbar ist, auch von einem Kropf.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat die Referenzwerte für die Jodzufuhr vor Kurzem angepasst: Für Jugendliche ab 13 Jahren und für Erwachsene werden 150 µg/Tag empfohlen. Davor hatte die DGE zu 200 µg/Tag für Erwachsene unter 51 Jahren und 180 µg/Tag für Erwachsene ab 51 Jahren geraten. Bei den höheren Werten war ein Zuschlag berücksichtigt worden, um die unzureichende Jodversorgung der Bevölkerung in Deutschland zu verbessern. Da dies aber nicht mehr der wissenschaftlichen Vorgehensweise sowie der Zielsetzung der Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr entspreche, seien die Werte angepasst worden, heißt es vonseiten der DGE. Der Wert orientiert sich nun am durchschnittlichen Bedarf, nicht mehr am Ausgleich eines möglichen Defizits der Bevölkerung. Auch für Säuglinge bis vier Monate gibt es nach einer Neubewertung einen aktualisierten Referenzwert: Er liegt bei 80 µg/Tag und ist damit doppelt so hoch wie zuvor. Für Schwangere beträgt der Referenzwert weiter 220 µg/Tag und für Stillende 230 µg/Tag.
Kleinere Jodmangelstrumen bemerken Betroffene meist gar nicht, denn das Gewebe wächst langsam über viele Jahre. Erst wenn das Organ stark gewachsen ist und womöglich auf Speiseröhre, Kehlkopf oder Luftröhre drückt, kommt es zu Beschwerden, etwa einem Kloßgefühl im Hals, Schluckbeschwerden, Heiserkeit oder Atembeschwerden.
Kann die Schilddrüse bei länger bestehendem oder ausgeprägtem Jodmangel trotz Wachstum nicht mehr genügend Hormone bilden, sinkt der Spiegel von T3 und T4 im Blut ab und es entsteht eine Schilddrüsenunterfunktion, eine Hypothyreose. Diese geht mit einem deutlich verlangsamten Stoffwechsel einher, was sich auf die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit auswirkt. Starke Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Kälteempfindlichkeit, trockene Haut und Gewichtszunahme sind einige der typischen Symptome. Die fehlenden Hormone müssen dann über die Einnahme von L-Thyroxin (Levothyroxin), oft ein Leben lang, ersetzt werden.