Bis heute ist es nicht gelungen, Muttermilch durch ein Fertigprodukt gleichwertig zu ersetzen. Zu komplex und individuell unterschiedlich zusammengesetzt ist die Muttermilch. In der Humanmilch finden sich rund 400 Substanzen. Formulanahrung enthält dagegen gerade mal rund 40 Stoffe.
Experten sind sich einig: Wenn die Mutter nicht stillen kann oder möchte, sollte der Griff zur Flaschennahrung kein Anlass zur Sorge sein. Auch mit Flaschenmilch gedeiht der Nachwuchs prima und spürt die Zuwendung und Nähe. »Keine Mutter muss Schuldgefühle haben, wenn sie nicht stillen kann«, betont etwa Regina Ensenauer, Kinderärztin und Vorsitzende der Nationalen Stillkommission. Säuglingsnahrung bietet alle wichtigen Nährstoffe, die das Kind fürs Wachstum braucht.
Hersteller von Säuglingsnahrung mischen schon seit einigen Jahren ihren Präparaten Prä- und Probiotika zu. Doch bringt das dem Säugling tatsächlich etwas? Forschende konnten das bislang nicht bestätigen. So heißt es in einer Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) aus dem Jahr 2020: »Säuglingsnahrungen, denen probiotische Bakterien zugesetzt sind, haben für die Ernährung von gesunden Säuglingen keinen Vorteil gegenüber vergleichbaren Produkten ohne derartige Zusätze.« Es werde durch probiotische Keime zwar die Stuhlbesiedlung des Säuglings verändert, aber nicht lang anhaltend und ohne Gesundheitswert.
Ähnlich sieht es die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), was den Zusatz von HMO wie Galactooligosaccharide (GOS) und Fructooligosaccharide (FOS) betrifft. Es gebe zwar keine Bedenken, aber es sei eben in größeren Studien auch kein gesundheitlicher Nutzen einer Ersatzmilch mit GOS/FOS oder humanen Komplexzuckern hinsichtlich Wachstum, Darmmikrobiotia, Prävention einer Diarrhö bei älteren Säuglingen und Kleinkindern sowie zur möglichen Immunmodulation erkennbar, heißt es in einer Stellungnahme vom Oktober 2022.
Wenn bei Eltern oder Geschwistern eines nicht gestillten Säuglings allergische Erkrankungen vorliegen, sollte nach Beratung durch den Kinderarzt im ersten Lebensjahr eine Hydrolysatnahrung (HA-Nahrung) gegeben werden - und eben nicht Anfangsnahrung mit der Bezeichnung »Pre« oder der Ziffer 1. Säuglingsnahrungen mit Sojaeiweiß und andere sogenannte »Spezialnahrungen« sind nur bei besonderen Gründen auf ausdrücklichen Rat des Kinderarztes zu verwenden.
Kaiserschnitt-Kinder kommen während der Geburt naturgemäß nicht mit dem vaginalen und perianalen Mikrobiom der Mutter in Kontakt. Daher entstand die Idee, den Säugling nachträglich mit dem vaginalen Mikrobiom zu konfrontieren. Beim »Vaginal Seeding« wird Vaginalsekret der Mutter unmittelbar nach der Entbindung auf das Kind übertragen, indem die Haut und der Mundbereich des Kindes mit einem sterilen, in NaCl 0,9 % und Vaginalsekret getränkten Tupfer abgerieben wird.
Zwar zeigen Studien in den ersten Wochen nach der Geburt eine moderate Veränderung des Darmmikrobioms – eine vermehrte Besiedelung mit Laktobazillen und Bakterioides -, doch ob die Effekte sich auch langfristig niederschlagen, ist nicht belegt.
So sieht es auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: Die Methode sei derzeit nicht ausreichend wissenschaftlich belegt und sicher, um sie als routinemäßige Maßnahme bei Kaiserschnitten zu empfehlen. Sie empfiehlt derzeit, die Methode nur im Rahmen von laufenden kontrollierten Studien anzuwenden.