| Juliane Brüggen |
| 27.07.2026 12:00 Uhr |
Bei der Abgabe kann das pharmazeutische Fachpersonal auf Risiken hitzesensibler Medikamente während Hitzeperioden hinweisen. Therapieentscheidungen wie Dosisanpassungen muss jedoch immer der Arzt treffen. / © Getty Images/ AlexanderFord
Bestimmte Medikamente können das Risiko für hitzebedingte Gesundheitsstörungen erhöhen, zum Beispiel indem sie die Schweißproduktion, die Hautdurchblutung oder das Durstgefühl beeinflussen. »Hitzeschutz spielt in der Gesundheitsversorgung eine immer größere Rolle«, sagt auch Professorin Dr. Beate Müller anlässlich der neu veröffentlichten Calor-Liste, die hitzerelevante Medikamente und Anpassungshinweise während Hitzeperioden in den Blick nimmt. Die Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin, Medizinische Fakultät und Uniklinik Köln, war federführend an der Erstellung beteiligt. »Die Calor-Liste hilft den Fachkräften, Risiken bei der Medikation zu identifizieren«, so die Expertin.
Bis Ende 2026 soll das Angebot durch laienverständliche Materialien für Patientinnen und Patienten sowie ein interaktives Webtool ergänzt werden.
Gleich zu Anfang der Liste werden allgemeine Hinweise genannt. Demnach sollte das Gesundheitspersonal die Patienten oder Angehörigen im Vorfeld von und bei bestehenden Hitzewarnungen darüber informieren, nicht nur Leitungswasser oder Tee zu trinken, sondern auch Mineralwasser, Brühe, Elektrolytlösungen, isotonische Getränke oder Fruchtsaftschorlen beziehungsweise Getränke mit einem optimalen Natriumgehalt von 0,5–1 g Natrium pro Liter. Dies gelte besonders für ältere Patienten über 65 Jahre.
Außerdem wird empfohlen, bei der Verschreibung und Abgabe hitzesensibler Medikamente vor und während Hitzeperioden auf substanzspezifische und allgemeine Warnsymptome hinzuweisen, etwa Schwindel, Kopfschmerzen und Bewusstseinsstörungen sowie Symptome einer Überdosierung. Patienten sollten konkrete Maßnahmen kennen, die bei Hitze relevant werden.
In den weiteren Kapiteln sind spezifische Anpassungshinweise für Medikamente oder Medikamentengruppen zu finden, sortiert nach sechs Überbegriffen:
Die Autorinnen und Autoren der Liste weisen darauf hin, dass wegen fehlender Evidenz keine konkreten Hinweise zur Dosisanpassung in Hitzeperioden gegeben werden können. »Stattdessen dient die Calor-Liste zunächst vor allem dazu, Medikamentengruppen zu benennen, die das Risiko für hitzebedingte Gesundheitsschäden sowie unerwünschte Arzneimittelwirkungen in Hitze erhöhen«, heißt es. Sie unterstütze das Fachpersonal dabei, Patienten, die entsprechende Medikamente einnehmen oder anwenden, vor und während des Sommers zum richtigen Verhalten bei Hitze aufzuklären und gegebenenfalls ein intensiveres Monitoring von Vitalparametern, Medikamentenspiegeln oder anderen Blutwerten anzustoßen.
Zu beachten sei jedoch, dass immer der behandelnde Arzt für die Verordnung der Medikation verantwortlich ist.
Quelle: Calor-Liste
Die Calor-Liste ist im Rahmen des Forschungsprojekts ADAPT-HEAT entstanden – unter Leitung von Beate Müller vom Institut für Allgemeinmedizin der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln und der Uniklinik Köln sowie gemeinsam mit der Medizinischen Hochschule Hannover und zahlreichen weiteren Institutionen. Ziel war es, evidenzbasierte, konsentierte und sektorenübergreifend anwendbare Strategien zur Arzneimitteltherapiesicherheit bei Hitze zu entwickeln.
Die Entwicklung lief in mehreren Schritten: Am Anfang stand die Evidenzsynthese mittels strukturierter wissenschaftlicher Übersichtsarbeit und internationaler Best-Practice-Analyse. Diese wurde ergänzt durch den Abgleich von Routinedaten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mit Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Es folgte eine Delphi-Befragung mit über 30 Expertinnen und Experten, im Rahmen derer insgesamt 27 Wirkstoffklassen und 71 Strategien identifiziert wurden. Schließlich testeten ausgewählte Arztpraxen, Apotheken und Krankenhäuser die Liste in der Praxis.
An dem Gemeinschaftsprojekt waren neben dem Institut für Allgemeinmedizin die PMV-Forschungsgruppe der Medizinischen Fakultät und der Uniklinik Köln, die Institute für Allgemeinmedizin und Palliativmedizin sowie für Klinische Pharmakologie der Medizinischen Hochschule Hannover und die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe beteiligt. Begleitet wurde es von einem Beirat, dem Expertinnen und Experten aus dem Gesundheitsamt der Stadt Köln, dem Pharmazeutischen Institut Universität Bonn, den Apothekerkammern Nordrhein und Niedersachsen, der Apotheke der Uniklinik Köln und der Vertretung der Patientinnen und Patienten der Deutschen Diabetes Hilfe angehörten.
Das Projekt wird vom Innovationsfonds beim Gemeinsamen Bundesauschuss (G-BA) gefördert.