| Caroline Wendt |
| 24.04.2026 16:00 Uhr |
Neurodermitis gilt als Zivilisationskrankheit. Während im Jahr 1960 lediglich 3 bis 5 Prozent der Kinder betroffen waren, zeigen heute deutlich mehr Kinder Symptome: Laut Robert-Koch-Institut (RKI) weisen rund 14 Prozent der Kinder mindestens einmal Zeichen einer atopischen Dermatitis auf. Jungen und Mädchen sind dabei etwa gleich häufig betroffen.
Als mögliche Ursache für diesen Anstieg gelten unter anderem verbesserte hygienische Bedingungen. Diese sogenannte Hygienehypothese wird durch Beobachtungen gestützt, wonach Kinder, die in der Stadt aufwachsen, häufiger an atopischen Hauterkrankungen leiden als Kinder vom Land. »Das Immunsystem braucht seine Aufgaben, sonst wendet es sich blödsinnigen Dingen zu, wie atopischen Erkrankungen«, so Fölster-Holst.
Vor diesem Hintergrund rät die Mitautorin der S3-Leitlinie »Atopische Dermatitis« werdenden Eltern mit erhöhtem Atopierisiko zu mehr mikrobieller Vielfalt im Alltag. Wer die Möglichkeit hat, dem empfiehlt sie: »Legen Sie sich einen Hund zu – möglichst schon vor der Geburt des Kindes.« Das Mikrobiom von Hunden erhöhe die Diversität an Mikroorganismen in der Umgebung, was sich als protektiv erwiesen habe. Katzenhaarallergene seien hingegen zu stark; von der Anschaffung einer Katze werde daher abgeraten.
Das Mehr an Keimen hat einen weiteren Vorteil: Potenziell pathogene Erreger wie S. aureus, der bei Neurodermitis eine zentrale Rolle spielt, können sich weniger leicht durchsetzen. Denn bei Kindern mit Neurodermitis ist die Haut häufig verstärkt mit S. aureus besiedelt. Das Bakterium findet auf der geschädigten Hautbarriere ideale Bedingungen vor und kann sich dort leichter vermehren. Seine Stoffwechselprodukte und Toxine fördern Entzündungsreaktionen, verstärken den Juckreiz und können Ekzemschübe auslösen oder verlängern. Zugleich trägt die Besiedlung mit S. aureus weiter zur Störung der Hautbarriere bei – ein Teufelskreis, der insbesondere bei der noch unreifen Babyhaut rasch an Bedeutung gewinnt. Ziel der Therapie ist daher nicht die vollständige Keimfreiheit, sondern ein stabiles mikrobielles Gleichgewicht auf der Haut.
Ein weiterer zentraler Rat der Dermatologin lautet: »In dem Haushalt sollte auf keinen Fall geraucht werden« – sowohl vor als auch nach der Geburt des Kindes. Daneben spielt auch die Ernährung des Säuglings eine wichtige Rolle. »Es gibt nichts Besseres als Muttermilch«, betont Fölster-Holst. Entsprechend der aktuellen Atopie-Leitlinie empfiehlt sie, Säuglinge in den ersten vier Lebensmonaten voll zu stillen und anschließend mit der Einführung der Beikost zu beginnen. »Forschungen haben gezeigt, dass es ein bestimmtes Zeitfenster gibt, in dem Beikost gegeben werden sollte, um späteren Nahrungsmittelallergien vorzubeugen«, stellt die Expertin klar.
Die Einführung der Beikost sollte nicht zu spät erfolgen, um möglichen Nahrungsmittelallergien vorzubeugen. / © Adobe Stock/Serenko Nata
Einen Widerspruch zur aktuellen Still-Leitlinie, die empfiehlt, Säuglinge bis zum sechsten Lebensmonat voll zu stillen, sieht Fölster-Holst darin nicht. Stillen könne selbstverständlich länger fortgeführt werden – entscheidend sei jedoch, dass das Immunsystem des Darms ab dem fünften, spätestens jedoch ab dem sechsten Lebensmonat mit verschiedenen Nahrungsmitteln in Kontakt komme.
Die Dermatologin hatte noch eine weitere, eher unkonventionelle Empfehlung, aus einer Publikation des Fachjournals »European Academy of Allergy and Clinical Immunology«: Lebensmittel vorzukauen und anschließend dem Säugling zu geben. Dieses Procedere wird in vielen Ländern traditionell praktiziert und fördert die Vielfalt des kindlichen Mikrobioms, da über den Speichel früh Mikroorganismen übertragen werden, die zur Reifung des Immunsystems beitragen können. Voraussetzung ist allerdings eine gute Mundgesundheit der Eltern.
Ein Hoffnungsschimmer zum Schluss: Die atopische Dermatitis hat gute Chancen, in oder nach der Pubertät »auszuwachsen«. So geht die Neurodermitis laut dem Allergie-Informationsdienst bei 60 bis 80 Prozent der erkrankten Säuglinge und Kleinkinder spätestens zum Schulbeginn zurück oder hat sich bis dahin zumindest stark gebessert. Bis zum frühen Erwachsenenalter sind etwa 60 Prozent der Kinder symptomfrei.
Woran liegt das? Mit zunehmendem Alter reift das kindliche Immunsystem und lernt, angemessener auf Umweltreize zu reagieren. Überschießende Immunantworten, die bei der atopischen Dermatitis eine zentrale Rolle spielen, treten dadurch seltener auf. Gleichzeitig stabilisiert sich die Hautbarriere: Die Haut kann Feuchtigkeit besser halten, ist weniger durchlässig für Allergene und Mikroorganismen und damit insgesamt widerstandsfähiger. Auch das Hautmikrobiom verändert sich im Laufe der Jahre. Während bei Säuglingen und Kleinkindern noch eine vergleichsweise geringe Vielfalt vorherrscht, nimmt diese mit der Entwicklung zu. Das erschwert es problematischen Keimen wie S. aureus, dauerhaft die Oberhand zu gewinnen.