Entscheidend, ob es sich um eine psychische Erkrankung handeln könnte und ob jemand Unterstützung von außen braucht, sei vor allem der Leidensdruck. »Wenn der Alltag nicht mehr schaffbar ist, man nicht mehr schläft, keinen Appetit mehr hat oder die Gedanken nur noch um vermeintliche Fehler kreisen, sollte man sich Hilfe suchen«, rät Christa Roth-Sackenheim. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und zweite Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater.
Aber auch Menschen, die keine derartige psychische Erkrankung haben, können den Drang haben, sich übermäßig zu rechtfertigen. »Betroffen sind vor allem sehr empathische Menschen, die sich viele Gedanken darum machen, was das eigene Verhalten bei anderen bewirkt«, erklärt Roth-Sackenheim.
Es kommt aber auch auf die Beziehung an: »Wenn Grenzen oder Fehler vom Gegenüber nicht akzeptiert werden, neigt man eher dazu, sich ständig zu rechtfertigen.«
Auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale spielen eine große Rolle. »Wenn der Selbstwert von der Bewertung anderer abhängt, kann das einen Rechtfertigungsdrang fördern«, so Ulrike Bossmann.
Und: Wer schon früh gelernt hat, dass er für die Gefühle anderer verantwortlich ist, neige ebenfalls eher dazu, sich zu rechtfertigen. Gleiches gelte für perfektionistische Menschen, die sich nur dann als gut genug fühlen, wenn sie alles hundertprozentig erledigen.
Wer sich häufig unter Rechtfertigungsdruck fühlt, sollte sein Verhalten genauer beobachten. Ein Selbsttest kann bei der ersten Einschätzung helfen. Sechs Fragen sollen spontan mit «Ja» oder «Nein» beantwortet werden. Unkritisch ist es, wenn man sich höchstens einmal erkennt, wie Psychologin und Therapeutin Ulrike Bossmann erklärt. Wer zweimal oder öfter mit Ja antwortet, könnte mal genauer hinschauen, in welchen Situationen man zum Rechtfertigen neigt.