Der Markt an mikrobiomverträglichen Kosmetika ist ziemlich unübersichtlich – was auch an kreativem Marketing liegt. »Der Begriff ›probiotisch‹ wird inzwischen sehr großzügig verwendet. Doch echte Probiotika zur dermalen Anwendung mit lebenden und vermehrungsfähigen Bakterien gibt es kaum«, so Axt-Gadermann. Das Siegel »Microbiome friendly« bietet zwar eine gewisse Orientierung. Doch letztlich hat ein so zertifiziertes Produkt nur den Nachweis erbracht, dass bei seiner Anwendung die Diversität und das natürliche Gleichgewicht der Mikroorganismen auf der Haut nicht beeinträchtigt werden. Es sagt nichts darüber aus, ob das Hautmikrobiom auch gestärkt wird.
Die Expertin hat einen besseren Praxistipp parat: auf die Abwesenheit von Konservierungsmitteln achten. Ohne sie kommen nur wasserfreie Grundlagen wie Öle, Pulver, Fettsalben oder Darreichungen wie eine »Körperbutter« aus. Alle O/W- oder W/O-Formulierungen benötigen dagegen aufgrund ihres Wassergehaltes Konservierungsstoffe – und können deshalb keine probiotischen lebenden Bakterien enthalten.
»Allein schon durch enthaltene Konservierungsstoffe wird das dermale Mikrobiom empfindlich geschwächt, denn die Substanzen unterbinden nicht nur in der Zubereitung das Bakterienwachstum, sondern auch am Applikationsort«, berichtet sie. »Das mag für eine gesunde, stabile Haut kein Problem sein, wird aber dann relevant, wenn sie etwa sehr empfindlich, gestresst oder durch Neurodermitis, Ekzeme oder Akne geschwächt ist. Vom Allergisierungspotenzial synthetischer Konservierungsstoffe wie Parabene, Propylenglykol oder Phenoxyethanol ganz abgesehen, sind ätherische Öle in der Regel nicht besser.«
Definitionsgemäß enthalten Probiotika lebende oder lebensfähige Mikroorganismen. »Doch in den meisten Kosmetika leben diese Mikroorganismen nicht mehr. Dann findet man in der INCI-Liste Begriffe wie Ferment, Extrakt-Filtrat, Lysat oder hitzeinaktiviert. Das klingt zwar überzeugend, bedeutet aber, dass keine lebenden Bakterien enthalten sind. Es handelt sich vielmehr um abgetötete Bakterien oder Bestandteile davon«, erklärt die Bestsellerautorin, deren neues Buch über das Hautmikrobiom im September erschienen ist (siehe Buchtipp).
Enthaltene Lysate und Co. sind laut der Mikrobiomspezialistin nicht unbedingt ein Negativkriterium, denn auch sie können gewisse positive Effekte auf die Haut haben, wie etwa Durchfeuchtung oder Barrierestärkung. Ihr Manko sei jedoch: »Sie können nicht wie die lebenden Bakterien kolonisierend wirken, sich in die Hautbarriere integrieren und unerwünschte Bakterien verdrängen. Deshalb hält deren Wirkung, anders als bei Produkten mit lebenden Bakterien, auch nur so lange an, wie sie aufgetragen werden.«
Was ist von präbiotischen Inhaltsstoffen in Hautpflegeprodukten zu halten? Axt-Gadermann nennt etwa Inulin, resistente Stärke, verschiedene Oligosaccharide oder Saccharid-Isomerat als Beispiele. »Sie können durchaus sinnvoll sein, weil sie den Mikroorganismen auf der Haut als Nahrung dienen. So stärken sie die Hautbarriere oder verbessern die Feuchtigkeitsversorgung. Aber auch für sie gilt: Sie können das Hautmikrobiom stärken. Aber es handelt sich um Pflanzenstoffe und nicht um lebende Bakterien. Sie können sich nicht ins Hautmikrobiom integrieren und haben kein Verdrängungspotenzial gegenüber Krankheitserregern.« Produktbeispiele sind Ibiotics® med mikrobiotische Hautlotion, Freiöl® Body Balm sensitive oder Lavera® Barrier Balance Tagespflege.