Droht mit dem Andes-Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff die nächste Pandemie? / © Adobe Stock/8880
Bei den beiden Kreuzfahrt-Passagieren, die nach einer Infektion mit einem Hantavirus von einer Atlantikkreuzfahrt nach Südafrika ausgeflogen wurden, wurde der Andes-Typ der Virengruppe festgestellt. Das berichtete ein Vertreter des Gesundheitsministeriums bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des südafrikanischen Parlaments. Untersuchungen des Instituts für Infektionskrankheiten hätten den Erreger bei einem Briten, der derzeit auf der Intensivstation einer Klinik in Johannesburg behandelt wird, nachgewiesen. Daraufhin sei auch die mittlerweile verstorbene niederländische Patientin darauf getestet worden.
Bisher sind drei Passagiere des Kreuzfahrtschiffes »Hondius« gestorben, ein älteres niederländisches Ehepaar und eine Person aus Deutschland – laut Schiffsbetreiber Oceanwide Expeditions handelte es sich um eine Frau. Dem Bericht der südafrikanischen Behörden zufolge war das niederländische Ehepaar durch Südamerika gereist, ehe es am 1. April an Bord des Kreuzfahrtschiffes ging. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO wurde das Hantavirus inzwischen bei fünf Infizierten nachgewiesen, hinzu kommen weitere Verdachtsfälle. Eine 65-jährige Deutsche ist nach Düsseldorf evakuiert worden und dort im Krankenhaus. Sie hatte zu einem der Opfer an Bord des Schiffes engen Kontakt. Sie hat nach Angaben der Behörden aber keine Symptome.
Hantaviren werden üblicherweise über Ausscheidungen von Nagetieren übertragen. Nur beim Andesvirus sind nach Angaben der Gesundheitsbehörden auch Infektionen zwischen Menschen bei engem, länger andauerndem Kontakt möglich. Insgesamt gebe es mehr als 38 verschiedene Hantaviren, hieß es in dem Bericht für den Gesundheitsausschuss.
Die »Hondius« fährt unter niederländischer Flagge. An Bord zeigt nach Angaben der WHO niemand zurzeit Symptome einer Infektion. Das Schiff hat von den kapverdischen Inseln kommend Kurs auf Teneriffa genommen, dort sollen alle knapp 150 Menschen noch an Bord untersucht und getestet werden. An Bord sind auch sechs Deutsche. Unklar ist bislang, wie danach die Heimreise organisiert wird.
29 Passagiere hatten das Kreuzfahrtschiff bereits am 24. April auf der britischen Insel St. Helena im Süden des Atlantischen Ozeans verlassen. Das war den Angaben zufolge gut zehn Tage vor der Bestätigung des ersten Hantavirus-Falls.
Auch in Deutschland sind einige Spezies heimisch, berichtet Dr. Roland Schwarzer vom Institut für die Erforschung von HIV und AIDS-assoziierten Erkrankungen am Universitätsklinikum Essen gegenüber dem Science Media Center Deutschland. »In Deutschland und Europa treten vor allem sogenannte Alte-Welt-Hantaviren auf, insbesondere Puumala- und Dobrava-Belgrad-Viren.« Diese könnten ebenfalls relevante Erkrankungen verursachen, sie gelten jedoch im Vergleich zu den Andes-Hantavirus-Infektionen als weniger letal.
Trotz des Nachweises des Andes-Typs bei den Passagieren könne man nicht automatisch von einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung der Viren in diesen Fällen ausgehen, sagt Schwarzer. »Dafür wären unter anderem eine genaue Rekonstruktion der Kontakte, der Erkrankungszeitpunkte, möglicher gemeinsamer Expositionen sowie Virus-Sequenzdaten erforderlich.« Bei bekannten Mensch-zu-Mensch-Übertragungen fanden diese vor allem über enge und länger andauernde Kontakte, beispielsweise im Haushalt, bei Pflege oder engem körperlichen Kontakt statt. Das Virus verbreite sich nicht wie klassische Erkältungserreger effizient über die Luft, so Schwarzer.
»Für Passagiere, Besatzung und Kontaktpersonen bedeutet die Bestätigung der Andes-Variante vor allem, dass eine sorgfältige Kontaktpersonennachverfolgung, Symptomüberwachung und rasche Abklärung bei Beschwerden wichtig sind.« Aufgrund der möglichen längeren Inkubationszeit könne eine Überwachung über mehrere Wochen sinnvoll sein.
Zwar kann das Hantavirus mit Hilfe eines PCR-Tests oder eines Antikörpertests nachgewiesen werden. Diese Verfahren sind aber nicht absolut sicher. Eine Impfung oder ein Medikament gegen Hantaviren gibt es derzeit nicht.
»Dies ist eine ernste Lage, aber die WHO betrachtet das Risiko für die öffentliche Gesundheit als gering«, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus am Donnerstag in Genf. »Dies ist nicht der Beginn einer Pandemie«, betonte die amtierende Nothilfekoordinatorin, Maria van Kerkhove. Ein Vergleich mit dem Start der Corona-Pandemie vor sechs Jahren sei nicht angebracht.
Auch Dr. Martin Eiden, Leiter des Referenzlabors für Hantaviren am Friedrich-Loeffler-Institut, Greifswald-Insel Riems, ordnet das Ausbruchsgeschehen auf dem Schiff ähnlich ein: »Es handelt es sich dabei jedoch nicht um ein Anzeichen für eine neue globale Bedrohung, sondern vielmehr um einen seltenen und lokal begrenzten Vorfall.« Mit einer weiteren Verbreitung des Andes-Virus in Europa sei nicht zu rechnen, vor allem weil natürliche tierische Wirte wie Reisratten oder Zwergreisratten hierzulande nicht vorkommen. Eiden zufolge bestehe kein Grund zur Besorgnis, aber »für eine sorgfältige wissenschaftliche Beobachtung des Geschehens«.
Forscher in Argentinien sollen nun die Frage nach dem Ursprung der Infektionen klären. In Ushuaia ganz im Süden des Landes, wo die »Hondius« am 1. April in See gestochen war, sollen Nagetiere eingefangen und auf das Virus untersucht werden, wie die Regierung in Buenos Aires mitteilte.