| Juliane Brüggen |
| 19.06.2026 08:00 Uhr |
Die Arzneiform macht einen Unterschied, zum Beispiel wenn eine schnelle Wirkung gefragt ist oder Tabletten nicht geschluckt werden können. / © Getty Images/Suzi Media Production
Innovation bedeute nicht nur Neues zu schaffen, sondern auch Bestehendes weiterzuentwickeln, sagte Professor Dr. Stephan Reichl, Professor für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie an der Technischen Universität Braunschweig, im Mai beim Fortbildungskongress Pharmacon in Meran. Als Beispiel nannte er Arzneiformen zur transmukosalen Resorption, die nasal, bukkal oder sublingual appliziert werden.
»Was diese Arzneiformen so spannend macht, warum sie weiterentwickelt werden, liegt an den Vorteilen«, sagte Reichl. Über die Schleimhaut könne man – dank guter Durchblutung und geringer Resorptionsbarriere – eine schnelle Aufnahme erreichen, selbst bei größeren Molekülen wie Peptiden. Die Arzneiform eigne sich »für all die Dinge, wo es schnell gehen muss«. Ein »netter Nebeneffekt«: Der First-Pass-Effekt kann komplett oder größtenteils umgangen werden. Es gibt aber auch Nachteile. So sind die Arzneiformen oft erklärungsbedürftig und nicht für alle Wirkstoffe geeignet.
Eine Neuheit in diesem Bereich ist das seit Mai 2025 verfügbare nasale Epinephrin (Eurneffy®), das in der Notfallbehandlung bei allergischen Reaktionen (Anaphylaxie) eingesetzt wird. Das Nasenspray bietet eine Alternative zu den bewährten Autoinjektoren, die intramuskulär appliziert werden. Wichtig für die Beratung: Der Applikator enthält eine Dosis und gibt diese bei der ersten Aktivierung ab. »Man darf nicht vorpumpen wie bei klassischen Nasensprays«, so Reichl. Patienten sollten immer zwei Nasensprays mit sich führen, falls eines nicht funktioniert oder eine zweite Dosis erforderlich ist. Letztere werde immer in dasselbe Nasenloch gegeben, ergänzte der Experte, der enthaltene Permeations-Enhancer Dodecylmaltosid fördere die Aufnahme von Epinephrin.
Als innovativ bezeichnete Reichl auch das erste Glucagon-Präparat in Form eines Nasensprays (Baqsimi®). Seit 2020 auf dem Markt, bietet es eine Alternative zur parenteralen Gabe. Im Gegensatz zur nasalen Epinephrin-Lösung handelt es sich um ein Nasenpulver – »aus Stabilitätsgründen«. Eingesetzt wird das Polypeptidhormon zur Behandlung schwerer Hypoglykämien bei Patienten mit Diabetes mellitus. Wieder handelt es sich um ein Einzeldosisbehältnis – das heißt: kein Testen vor der ersten Anwendung. Reichl betonte, dass der Kolben bei Applikation komplett durchgedrückt werden muss: »Die Dosis wurde vollständig verabreicht, wenn der grüne Streifen nicht mehr sichtbar ist.«
Eine schnelle Wirkung ist nicht zuletzt bei der Parkinson-Krankheit gefragt, wenn motorische Fluktuationen auftreten, sogenannte »Off-Episoden«. Seit Mai 2024 gibt es in dieser Indikation einen Sublingualfilm mit dem Dopamin-Rezeptor-Agonisten Apomorphin (Kynmobi®). Der Film löse sich unter der Zunge auf, erklärte Reichl. Er muss im Ganzen angewendet werden und darf nicht zerschnitten, gekaut oder geschluckt werden. Mit einer Wirkung sei nach etwa 15 bis 30 Minuten zu rechnen.