97 Prozent der Psychotherapien finden Erhebungen zufolge im Einzelsetting statt – dabei kann eine Gruppentherapie Vorteile haben, zum Beispiel der Austausch mit den anderen Teilnehmenden. / © Getty Images/Portra
»Viele Patienten sind auf den ersten Blick sehr skeptisch und denken: Ich kann doch mit meinen Problemen nicht in eine Gruppe gehen, das ist viel zu belastend – oder ich habe zu wenig von meinem Therapeuten, weil ich ihn mit fünf, sechs, sieben anderen teilen muss«, sagt auch Bernhard Strauß, Seniorprofessor am Institut für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie am Universitätsklinikum Jena.
Nicht verwunderlich also, dass die ambulante Psychotherapie in Deutschland nach Angaben der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) zu 97 Prozent im Einzelsetting durchgeführt wird. Dabei zeigen Metaanalysen: Die Wirksamkeit von Gruppentherapie ist gut belegt – im Durchschnitt unterscheidet sie sich nicht von der der Einzeltherapie.
Der entscheidende Unterschied liegt im Setting: Statt im Eins-zu-eins arbeitet man in der Gruppe gemeinsam mit mehreren Patientinnen und Patienten. Grundsätzlich werden Strauß zufolge alle gängigen Verfahren – von Verhaltenstherapie bis zu psychodynamischen und systemischen Ansätzen – sowohl einzeln als auch in Gruppen angeboten.
Grob lassen sich unterscheiden:
Ergänzende Einzelsitzungen finden in der Regel bei Bedarf statt, etwa zu Beginn zur Klärung der Indikation oder bei akuten Krisen im Verlauf.
Eine Psychotherapie in der Gruppe bietet mehr Chancen als viele auf den ersten Blick vermuten. Das Gruppensetting sei vielfältiger und biete so ein breiteres Anregungs- und Entwicklungspotenzial, sagt Michael Ruh, psychologischer Psychotherapeut und stellvertretender Bundesvorsitzender der DPtV.
Auch Bernhard Strauß betont die Vorteile: »Ganz platt gesagt: Man lernt nicht nur von den Therapeuten, sondern man tauscht sich mit vielen anderen aus.« Allein die Erfahrung, mit seinem Problem nicht allein zu sein, wirke oft entlastend und motivierend.
Die Gruppe erweitert Ruh zufolge zudem den Denkraum: Man bekommt neue Perspektiven auf eigene Probleme, sieht, wie andere Herausforderungen bewältigen, und kann Anregungen der Mitpatienten reflektieren. Rückmeldungen von Mitpatienten und die Möglichkeit, selbst Feedback zu geben, stärken soziale Fähigkeiten und helfen, Beziehungsmuster zu erkennen.
Praktisch lässt sich das etwa bei Beziehungskonflikten üben: Andere übernehmen Rollen, man testet Verhaltensweisen und lernt, eigene Anliegen anzusprechen. »Auf allen drei Ebenen – Fühlen, Denken und Verhalten – bietet die Gruppe deutlich mehr Entwicklungsräume als die Einzeltherapie«, so Ruh.
Da psychische Probleme oft in negativen Beziehungserfahrungen wurzeln, bietet die Gruppe hier einen besonderen Rahmen. »In der Gruppe kann ich meine Beziehungsstrategien ausbreiten, wiedererleben, quasi demonstrieren und besser verstehen«, sagt Strauß. Alte Verletzungen lassen sich so besser einordnen, familiäre Beziehungserfahrungen nachvollziehen.