Eine Gruppentherapie kann mitunter aber auch herausfordernd sein. Das liegt zum einen an den sozialen Dynamiken, die sich meist von ganz allein entwickeln: Einige Teilnehmer übernehmen dominante Rollen, andere geraten in den Hintergrund oder in eine Art Sündenbockfunktion.
Laut Strauß normale soziale Prozesse. »In Gruppen kommt es automatisch früher oder später auch zu Konflikten«, so der Professor. Solche emotionalen Spannungen können belasten, auch wenn der Gruppenleiter im besten Fall für ein Klima sorgt, in dem sich die Teilnehmenden sicher fühlen.
Entscheidend ist außerdem die eigene Einstellung: Wer nicht bereit ist, sich aktiv einzubringen, profitiert möglicherweise wenig. »Wenn jemand diese Motivation nicht aufbringen kann, trotz guter Vorbereitung, dann ist es wahrscheinlich nicht sinnvoll, jemanden in die Gruppe zu nehmen«, sagt Strauß. Zu große Ängste oder Hemmungen können letztlich nicht nur Einzelpersonen, sondern auch die Gruppe überfordern.
Generell ausschließen muss die Gruppentherapie aber fast niemand: »Es gibt ein Zitat in der Fachliteratur, das besagt, dass es eigentlich kaum eine Eigenschaft eines Menschen gibt, die jemanden davon abhalten sollte, von einer Gruppe zu profitieren«, so Strauß, der die Therapieform seit langem erforscht. »Vorausgesetzt, die gewählte Form der Gruppentherapie passt«.
Grundsätzlich muss jede Person selbst prüfen, welche Form der Therapie zu ihr passt, betont Ruh. Bei akuten Krisen wie schweren Depressionen oder Traumatisierungen ist Gruppentherapie laut Ruh meist nicht geeignet. Hier geht es zunächst um Stabilisierung im Einzelsetting. Auch bei klar umrissenen, weniger komplexen Problemen mit kurzer Behandlungsdauer, etwa unkomplizierten Phobien, ist Einzeltherapie oft sinnvoller – eine Gruppe wäre unverhältnismäßig aufwendig.
Patientinnen und Patienten sollten zudem wissen: Kurzfristige, auch heftige emotionale Reaktionen gehören zu jeder Therapie – egal, ob in der Gruppe oder im Einzelsetting. »Bei solchen Phasen ist es wichtig, nicht sofort eine Konsequenz daraus zu ziehen, indem man die Therapie abbricht«, sagt der Seniorprofessor. Stattdessen sollte man das Gespräch mit der Therapeutin oder dem Therapeuten suchen.
Auch wer sich in der Gruppe dauerhaft überfordert, nicht zugehörig oder ängstlich fühlt, sollte das ansprechen. Oft sind solche Reaktionen nur vorübergehend. Warnsignale, dass das aktuelle Setting gar nicht passt, sind hingegen Rückzugstendenzen, verlorene Hoffnung oder anhaltender Ärger über die Therapeutin oder die Gruppe. Wenn sich diese Gefühle nicht klären lassen, sollten Alternativen erwogen werden.
Umgekehrt lohnt es sich in der Einzeltherapie, über Gruppentherapie nachzudenken, wenn man das Gefühl hat, immer wieder dieselben Themen zu besprechen, ohne dass sich im Alltag etwas verändert.